Als Aluminumkapseln noch allgemein akzeptiert wurden, waren Bio-Supermärkte eine Anlaufstelle für die Alternativszene oder man suchte sie auf, wenn man eine ganz spezielle Zutat für ein Rezept brauchte. Schließlich führte der REWE oder EDEKA um die Ecke lange Zeit kein Mandelmus oder Tahini im Standardsortiment. Mittlerweile geht derjenige, der es sich leisten kann, auf direktem Wege in den Biosupermarkt. Kauft Bio-Tomaten und Fair-Trade-Kaffee. Mit der “Fridays for future Bewegung” ist nun endgültig das Thema Nachhaltigkeit bei jedem irgendwie angekommen. Einige fangen an, sich selbst zu hinterfragen: Muss es wirklich der Flug sein oder reicht nicht auch die Bahn? Brauche ich noch ein eigenes Auto oder komme ich auch mit CarSharing zurecht?

#Neo-Ökologie in der Immobilienwirtschaft

Der Megatrend Neo-Ökologie reicht mittlerweile in fast jeden Bereich unseres Alltags, hat das Nischendasein verlassen und wird zu einem der wichtigsten Treiber unserer Zeit. Dieser Treiber beschreibt den gesellschaftlichen Veränderungsprozess, hin zu einem nachhaltigen Leben und Wirtschaften.Wie zeigt sich das in der Immobilienwirtschaft?

Der Trend in der Immobilienbranche heißt ebenfalls Nachhaltigkeit. Kaum jemand bringt noch ein Projekt ohne Öko-Konzept hervor. Schon gar nicht im diesbezüglich als sensibel geltenden Berlin. Gesundes Wohnen, rauchfreie Eingangsbereiche, hunderte Fahrradstellplätze, Luft-Erdwärme-Tauscher, Photovoltaikanlage, oder begrünte Dächer sind nur ein paar Beispiele. Diese Merkmale führen mehr und mehr bei Nutzern zu einem guten Gefühl. Stolz wird die Vorzertifizierung in das Immobilienmarketing aufgenommen. Alles grün, alles nachhaltig. Und bitteschön auch noch mit Auszeichnung und Plakette!

Makler und Bewerter geben an, dass das Thema Nachhaltigkeit bei Nutzern zunehmend auf Interesse stößt

In Deutschland gibt es seit 2009 das DGNB System. Entwickelt wurde dieses von führenden Experten der deutschen Bau- und Immobilienwirtschaft, von denen viele bereits im Jahr 2007 die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen – DGNB e.V. gegründet hatten. Korrigiert mich, wenn ich falsch liege, aber beispielsweise die DGNB-Zertifizierung enthält unter den Qualitätsfaktoren zwar Anforderungen an gebäudebezogenen Kosten, Umnutzungsfähigkeit und Kriterien zur Marktfähigkeit, aber keine Anforderungen an die Nachhaltigkeit der finanzierenden Bank…

Geld ist noch ein weitestgehend unbespieltes Feld

Finanzierungen waren und sind bislang eindeutig auf Profitmaximierung gepolt. Als ich nun auf die Internetseite der Triodos Bank aufmerksam wurde, war ich zugegeben zunächst etwas gelangweilt. Jetzt auch noch nachhaltige Finanzierungen? Dann fand ich es aufgrund der Referenzprojekte doch interessant, mal zu schauen, was es bedeutet, Immobilien nachhaltig zu finanzieren. Was sind Kriterien für nachhaltige Darlehen?

Schnell wird klar: Bei den Alternativbanken ist “Gemeinwohl” ein weiteres Finanzierungskriterium. Letztendlich wird ein Projekt von Triodos dann finanziert, wenn es zum Wohl von Mensch und Umwelt beiträgt. Die Faktoren ähneln in Teilen der Zertifizierung nach DGNB & Co., allerdings gibt es noch umfangreiche soziale und weiche Faktoren: entsteht eine hohe Lebensqualität? Werden wirklich soziale, kulturelle oder ökologische Mehrwerte geschaffen? Was sind die Beweggründe für die Entwicklung? Und besonders interessant: Ist die Immobilie wirklich notwendig?

Die Frage nach der Notwendigkeit schließt spekulative Entwicklungen aus. Und davon gibt es im Moment in Berlin besonders viele: 75% der Büroflächen werden derzeit spekulativ gebaut! (Quelle: JLL Berliner Büroimmobilienbericht Q1 2019) Endlich, würde ich sagen, findet nach Jahren der Stagnation Bautätigkeit auch statt. Bei einer Leerstandsquote von knapp 1,5%…. Mehr als 1,3 Mio. m² Bürofläche befinden sich aktuell in der Entwicklung.

975.000 m² würden aber allein schon durch die spekulative Errichtung durch das Raster der nachhaltigen Finanzierung fallen.

Im vergangenen Jahr hat Triodos eine deutliche Zunahme an Immobilienfinanzierungen festgestellt. Beispielsweise konnte die Gerichtstraße 23 in Berlin, ein Wohn- und Gewerbehof mit rund 16.500 Quadratmetern Fläche und mehreren Höfen, die hohen Standards erfüllen – das ist kein kleines Projekt! Oder die Malzfabrik Schöneberg, ein ehemaliger Industriekomplex im Berliner Bezirk Tempelhof-Schöneberg. Seit 2005 gehört das Gelände Frank Sippel, einem Investor aus der Schweiz, welcher ein Kreativzentrum etabliert hat. Nach dem Kauf des Areals durch die Real Future AG und einigen Mitinvestoren entstand die Idee, das ehemalige Industriegelände als einen Ort für Kultur, Produktion und Design zu entwickeln. Besonders die Entwicklung von Nachhaltigkeitskonzepten sollte hier eine wesentliche Grundlage darstellen.

Nischenanbieter sind bereits am Markt

Im Jahr 2018 wurden 440 Gewerbeimmobilien und Grundstücke finanziert. Das verwaltete Gesamtvermögen der Triodos Bank, Triodos Investment Management und Triodos Private Banking wuchs um 1 Mrd. EUR beziehungsweise 7% auf 15,5 Mrd. EUR. Die Bilanzsumme der Triodos Bank erhöhte sich um 10% auf 10,9 Mrd. EUR. Alternativbanken wie die Ethikbank, die Umweltbank, Triodos oder die GLS Bank sind also bereits da.

Dennoch habe ich mir die Frage gestellt: Was soll das Ganze? Wieso sollen Projektentwickler auch noch nachhaltig finanzieren? Nun ja, Berlin ist dahingehend sensibel, wie auch an den Debatten um Enteignung & Co. sichtbar wird. Die Aspekte des Gemeinwohls spielen eine immer größere Rolle. Und teilweise versuchen Unternehmer dementsprechend zu handeln. Diese Werte könnten dann auch finanzielle Überlegungen einbeziehen, denn Menschen investieren Geld vermehrt in verantwortungsbewusste Modelle. Ein gutes Gefühl bzw. ein reines Gewissen werden zu einem immer wichtigeren Faktor.

Im Vergleich ist es sicherlich derzeit ein selektives Anwendungsfeld und kommt bei den meisten Immobilienprojekten schlicht nicht in Frage. Die Alternativ- und Kunstszene hat jedoch unzählige Bewegungen als First-Mover in Gang gebracht, die dann im Laufe der Zeit zum Mainstream wurden.

Vielleicht ist es also doch langfristig ein Thema für Finanzierer und Investoren, was sich zu einer (im übertragenen Sinne) Bio-Tomate entwickelt?

https://www.linkedin.com/pulse/neuer-trend-bio-immobilienfinanzierungen-aus-anbau-larissa-lapschies/