Zwischen Diktiergerät und IBM Watson – Die Digitalisierung wird zum Teamwork einer ganzen Kanzlei

Legal Tech unterstützt und automatisiert etablierte juristische Arbeitsprozesse. Die Bedeutung von Legal-Technology steigt seit Jahren konstant, doch jede Kanzlei interpretiert das weite Spektrum der Anwendungen anders. Manche Juristen bezeichnen den Einsatz eines Diktiergerätes als Legal Tech, andere sehen echte Innovation ab der Verwendung künstlicher Intelligenz.

Bei GSK Stockmann, einer der führenden Wirtschaftskanzleien in Deutschland, ist der Vertragsgenerator der Berliner LAWLIFT GmbH in der Testphase. Katharina Groche, Associate Real Estate, berichtet in ihrem Impulsvortrag über den Auswahlprozess der geeigneten Technologie, die Herausforderungen während der Erarbeitung und die erhofften Ziele durch die Implementierung in die tägliche Arbeit.

Künstliche Intelligenz bedeutet derzeit noch viel Handarbeit

Die Ergebnisgenauigkeit einer Dokumentenautomation mittels KI (Künstlicher Intelligenz) lässt noch zu wünschen übrig. Es sind viele Nachbearbeitungen der automatisch generierten Auswertungen und Kontrollen erforderlich. Die Kanzlei hat daher zunächst den Einsatz von Vertragsgeneratoren gewählt.

Legal Technology 2.0 verkürzt Prozesse

Mit dem Vertragsgenerator werden Standarddokumente analysiert und darauf aufbauend intelligente Vorlagen erstellt. Das Ergebnis ist dann eine Fragenmaske, durch die sich ein Anwalt klickt. Rechtlich notwendige Standardschritte eines jeden Vertrages, werden automatisiert und die Prozesse verkürzt. Das Programm nimmt dem Anwalt die aufwendige Kontrollarbeit ab.

Was ist uns wichtig? Worauf legen wir Wert? Diesen Fragen hat sich die Kanzlei im Auswahlprozess gestellt. Technologieanbieter gibt es am LegalTech-Markt mittlerweile viele. Empfehlenswert ist ein Marktscan, um einen Überblick zu bekommen. GSK wünschte sich einen Anbieter, der Funktionalität und Nutzerfreundlichkeit verbindet. Nur ein einfaches Tool bringt am Ende den gewünschten Erfolg.

Programmiersprache sprechen die wenigsten Juristen

Die Basisarbeit ist aufwendig und echtes Teamwork! Im Rahmen eines internen Hackathons wurden bei GSK die Vorlagen gemeinsam mit LAWLIFT erstellt. An der laufenden Umsetzung ist aber nur eine Auswahl der Anwälte beteiligt. Getreu dem Motto: „zu viele Köche verderben den Brei.“ Alle Inhalte stehen schließlich in der fertigen Programmierung in Beziehung zueinander. Der Vertrag kann später in kurzer Zeit erstellt werden, aber das ist das Ergebnis detaillierter Vorarbeit. Das lohnt sich nur bei Standardverträgen.

Eine 100 % Automatisierung ist nicht gewünscht

Einzelanpassungen sind jederzeit möglich und wichtig, denn schließlich führen viele Varianten zu vielen Fragen und diese wiederum zur Unübersichtlichkeit. Einfachheit ist Trumpf! Wie hoch die Effizienzsteigerung im Arbeitsalltag ist, befindet sich momentan in der Testphase. Im Erfolgsfall wird das System kanzleiweit ausgerollt. GSK hat sich in dem Prozess nicht geschont! Man spürt einen großen Innovationswillen, was nicht selbstverständlich ist.

Das ganze Projekt hat sich auch positiv auf das „Knowledgemanagement“ ausgewirkt. Anwälte, die seit 20 Jahren stets individuell arbeiten, müssen nun umdenken. Statt Wissen zu horten, wird Wissen geteilt.

Das Ergebnis ist ein Produkt, mit vielen Vorteilen für die Mandanten. Diese müssen sich nicht immer wieder neu in eine unterschiedliche Vertragssystematik eindenken. Der Fokus soll verstärkt auf die individuelle Beratung der Mandanten gelegt werden können.


„Dokumentenautomation ersetzt keinen Anwalt. Und der initiale Aufwand ist enorm! Jeder Anwalt hat einen individuellen Stil. Das Know-How von unseren über 70 Immobilien-Anwälten muss in ein Muster gebracht werden, um das bestmögliche Ergebnis zu erreichen. Doch der Aufwand lohnt sich. Wenn sich 70 Personen zum gleichen Thema Gedanken machen und alle gut in dem sind, was sie tun, dann kommt dabei etwas sehr Gutes heraus.”

Dr. Philip Huperz, Local Partner bei GSK in Berlin

Quelle: Instagram https://www.instagram.com/immobilienjunioren/ by Bennivico

Zwei Juristen haben die Kanzlei-Software LAWLIFT entwickelt

Maximilian Mense ist selbst Jurist, studierte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und ist bei Lawlift als Head of Business Development angestellt. Dokumentenautomatisierung ist im Moment die Kernleistung von Lawlift. „Für LegalTech gibt es keine einheitliche Definition, aber Lawlift ist definitiv LegalTech.“

Wir schauen uns die Erstellung einer Vertraulichkeitsvereinbarung an.

Screenshot Lawlift

Es gibt eine Auswahl individueller Klauseln, je nach dem, wofür die Vereinbarung verwendet werden soll. Ist es eine strenge NDA oder eine weiche? Jede Auswahl zieht weitere individuelle Fragen nach sich. Jetzt zeigt sich, warum ein tiefes Verständnis für die Materie eine Grundvoraussetzung ist!

Komplexe Strukturen einfach abgebildet

Eine einzige Frage zu Beginn, zieht komplexe Bedingungen und Verweise nach sich. Dennoch ist das Ergebnis einfach. Die Schnelligkeit in der Erstellung von Verträgen nimmt zu und das Tool führt zügig zu einem ersten Vertragsentwurf. Die Exportmöglichkeit in Word bietet Freiraum. Die Möglichkeit zur Übersetzung in eine andere Sprache wird gerade implementiert, ist aber noch in der Beta-Phase.

„Beinahe wöchentlich wird in der LegalTech-Szene DAS neue Top-Tool vorgestellt, das ganz neue Lösungen bietet. Wenn man dann hinter die Kulissen schaut, merkt man schnell, dass das Programm noch nicht funktioniert.“

Auch Maximilian Mense ist der Meinung, dass KI noch nicht vollautomatisiert abläuft. Abgesehen von Lawlift gibt es noch viele weitere gute Tools, aber KI, Blockchain und Smart Contracts, sind vom echte Usecase noch weit entfernt.

Dieser Beitrag basiert auf den Impulsvorträgen von Katharina Groche (GSK Stockmann) und Maximilian Mense (Lawlift) vom 12.12.2018, im Rahmen des Jahresausklangs der Berliner Immobilienjunioren zum Motto „Legal Tech @GSK” in den Räumlichkeiten der Kanzlei. Wir danken GSK Stockmann für die Ausrichtung des Abends!  

Berliner Immobilienjunioren meets GSK
Berliner Immobilienjunioren meets GSK

Für Interessierte: Allgemeines zum Thema Legal-Technology “Die drei Stufen”

Der Rechtsprofessor Oliver Goodenough differenziert drei Bereiche: Mit Legal-Technology 1.0 bezeichnet der Professor vor allem Software zur Büroorganisation, die Anwälten assistiert, beispielweise die Dokumentenverwaltung, Rechnungslegung oder Webkonferenzen mit Mandanten. Im konventionellen Sinne beschreibt LegalTechnology juristische Fachdatenbanken zur Rechtsrecherche wie Beck-Online. Auf dieser Stufe bewegen sich auch Fortbildungsmedien wie Webinare und Video-Anleitungen. Onlineplattformen ermöglichen die Abwicklung rechtlicher Verfahren für juristische Standardsituationen, wie bei Unfallhelden oder helpcheck. Andere Unternehmen haben einen regelrechten Online-Marktplatz eröffnet, auf dem eine Vielzahl von Anwälten Beratungsleistungen anbieten kann. Dazu zählen etwa anwalt.de, 123recht.net sowie frag-einen-anwalt.de.

Legal-Technology 2.0 geht schon weiter. Darunter versteht man automatisierte Anwendungen, die juristische Arbeitsschritte anstelle eines Menschen erledigen. Anwendungsfelder der 2.0-Technologien ergeben sich für nahezu alle Einzelschritte der juristischen Tätigkeit. Von der Sachverhaltsaufklärung über die automatische Erstellung juristischer Dokumente, wie Verträge und Klageschriften. In den USA stehen Chatbots zur Verfügung, um Tatumstände gezielt zu ermitteln, die Rechtslage zu bewerten und Handlungsvorschläge zu liefern.

“Digitaler Pionier” in Sachen automatischer Dokumentenerstellung in Deutschland ist etwa die janolaw AG, die webbasierte Vertragsassistenten anbietet. Schwerpunkt sind Angebote für Webshops, deren juristische Dokumente per Schnittstelle aktualisiert werden. Anbieter wie Lawlift bieten editierbare Musterformulare und Werkzeuge, mit denen Kanzleien wie GSK Stockmann eigene Dokumentvorlagen erstellen können. In Österreich bietet die Plattform Vertragen.at seit 2018 ebenfalls einen Vertragsgeneratoran. Ein Beispiel für standardisierende Anwendungen im B2C-Bereich sind Web-Portale wie EU-Flight und Ersatz-Pilot: Sie prüfen Entschädigungsansprüche von Flugreisenden anhand von Einträgen in einer Eingabemaske, kaufen von Kunden deren Ansprüche und setzen diese Forderungen mit automatisch generierten Schriftsätzen durch.

Smart contracts und künstliche Intelligenz finden sich auf der Stufe Legal-Technology 3.0. Hiermit sind Technologien gemeint, die es ermöglichen, das Berufsbild menschlicher Anwälte grundlegend zu verändern. Da es sich hierbei auch um die anspruchsvollste Stufe handelt, ist ihre Entwicklung noch am weitesten von der Realität entfernt. Start-ups fokussieren sich auf die Erstellung von smart contracts oder ein virtuelles, mit künstlicher Intelligenz ausgestattetes Substitut für Anwälte. Ein erstes Ergebnis stellt das auf IBM Watson gestützte Programm ROSS Intelligence dar, wenngleich seine Funktionalität noch sehr begrenzt ist.